Wie stellt sich der Lebensmittelhandel
für den kommenden Trend zur individualisierten
Ernährung auf?

Unter dem Stichwort „Individual Nutrition“ zeichnet sich ein Trend ab, der – ähnlich wie seinerzeit „Bio“ zunächst von der etablierten Fachwelt belächelt – die Spielregeln auf dem Lebensmittelmarkt ändern wird. Spezifische Ernährungsregeln hat es immer schon gegeben, nämlich für Konsumenten mit eindeutigen Unverträglichkeiten, wie z.B. Unverträglichkeit von Gluten, Lactose oder Allergien. Neu ist hingegen das wachsende Wissen darüber, dass ein jeder Mensch bestimmte Lebensmittelinhaltsstoffe unterschiedlich (eben individuell) metabolisiert.

Einige Beispiele:
  • Ein einziges Gen, genannt CYP1A2, legt fest, wie ein Mensch auf langjährigen Kaffeekonsum reagieren wird, d.h. ob das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen, eines Myocard-Infarktes, des Bluthochdrucks davon beeinflusst wird oder nicht /1/. Das erklärt, warum bisherige Studien zum Kaffeekonsum, bei denen diese Information noch nicht vorlag, so uneindeutig ausgefallen sind.
  • Genetische Unterschiede der Glution-S-Transferase entscheiden darüber, ob für den einen Menschen eine Vitamin-C-Supplementierung sinnvoll ist aber für den anderen Menschen nicht /1/.
  • Der FTO Genotyp RS 1558902 bestimmt in einem wesentlichen Maße, ob ein Mensch nach zwei Wochen einer proteinreichen Ernährung Gewicht gewinnt oder verliert /1/.
  • Es hat nach heutiger Studienlage den Anschein, dass eine DHA-reiche Ernährung (wie sie unter dem Schlagwort „Omega-3-Fettsäuren“ allgemein empfohlen wird) für Menschen mit dem APOE-4-Gen eher zu einer Erhöhung des Alzheimerrisikos beitrüge als zu einer Verringerung /2/. Das Wissen über solche Zusammenhänge entsteht gerade und wird Einfluss darauf haben, wie sich der Einzelne ernähren wird – zumindest derjenige, der Zugang zu einer entsprechenden genetischen Typisierung haben und sich dafür interessieren wird.

Es sind also genetische, epigenetische und erworbene Individualitäten, die uns Menschen zu unterschiedlichen „Futterverwertern“ machen. Der einheitliche Menschentyp, nur unterschieden nach Geschlecht und Altersklasse, so wie er z.B. von den DACH-Werten /3/ noch dargestellt wird, ist eine Vereinfachung der vielgestaltigen Realität.

Dieses Wissen, verteilt über viele Detailaussagen aus wissenschaftlichen Studien, wird für den überwiegenden Teil der Konsumentenschaft in den nächsten Jahren schwer „sortierbar“ sein. Nur wenige Fachgesellschaften haben es sich bisher zur Aufgabe gemacht, hier eine Übersetzerrolle auszuüben, die aus wissenschaftlichen Studienaussagen als Quellen eindeutig und klar ausgedrückte, anwendbare Regeln formuliert /4/. Nur wenige Lebensmittellabors kennen sich mit dem Thema „Wirkung“ von Lebensmittelinhaltsstoffen aus /5/.

Es bildet sich jedoch ein zahlenmäßig noch kleiner aber stetig wachsender Anteil an Konsumenten heraus, die die Zusammenhänge zwischen ihrer eigenen Veranlagung einerseits und der Verstoffwechselung von Lebensmittelinhaltsstoffen andererseits wissen wollen /6/ und nach Lebensmitteln suchen, die auf genau ihren Typus eingestellt sind (angereichert an Stoffen A, B, C, abgereichert an Stoffen X, Y, Z).

Die EU-Kommission spricht in diesem Zusammenhang von „Pharmafood“ (nicht zu verwechseln mit Food for Special Groups, den ehemaligen bilanzierten Diäten) und prüft, mit welchem rechtlichen Werkzeug man derartiges Pharmafood fassen könnte, da es weder unter die Kategorie der Arzneimittel passt (es soll ja nicht in erster Linie heilen), noch unter die Kategorie der Lebensmittel (es könnte ja für den einen Konsumenten so individuell zugeschnitten sein, dass es für den anderen Menschen eher schädlich ist) /7/. Man denkt daran, z.B. eine neue Rechtskategorie zwischen Lebensmittel und Arzneimittel einzuführen. In anderen Rechtsräumen gibt es eine solche Zwischenkategorie bereits, genannt Nutraceuticals /8/.

Große Hersteller von Lebensmittelrohstoffen und von verzehrsfertigen Lebensmitteln beginnen sich Gedanken zu machen, wie ein solcher Markt bedient werden könnte. Aufgrund der zu erwartenden Vielzahl von Anreicherungs- und Abreicherungsvarianten, die es zu jedem traditionellen Lebensmittel geben müsste, um der oben beschriebenen Individualisierung entgegen zu kommen, wird sich ein solches Angebot an den Konsumenten nicht mehr in Form von fertigen Lebensmitteln im Ladengeschäft darstellen lassen. Brot, glutenfrei, angereichert mit individuell bestimmten Polyphenolen, abgereichert von individuell bestimmten Aminosäuren, wird man nicht ohne feste Bestellung bereit halten können. Somit bieten sich drei Vertriebswege an, um den Kunden, der „individual nutrition“ ernst nehmen wird, zu erreichen:

– Individuelle Bestellung des Fertigproduktes im Internet, Lieferung gezielt innerhalb von Stunden
– Verkauf von abgereicherten Halbfertig-Lebensmitteln, die möglichst keine Nährstoffe mehr enthalten,
   sondern nur noch schmecken und die sich der Kunde im Ladengeschäft mit den von ihm gewünschten
   Nährstoffen aus dort vorhandenen Zutatenvorräten individuell anreichert
– aber bitte ohne, dass sich der Geschmack und das Aroma ändern;
– Verkauf von Fertig-Lebensmitteln, die möglichst keine Nährstoffe mehr enthalten, sondern nur noch
  schmecken, und parallel dazu Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, die genau die Nährstoffe enthalten,
  die der Kunde sich individuell zuführen möchte.

Es wird spannend zu sehen, wie sich der Lebensmittelhandel darauf einstellen wird und welche Systeme sich durchsetzen werden.

/1/ Dr. Ahmed El-Sohemy, University of Toronto, anlässlich der Tagung 2nd International Workshop
     on Personalized Nutrition, Brussels, March 28, 2017, organized by „Health Claims Europe VVZRL“,
     Izegem, Belgium
/2/ Dr. Anne Marie Minihane, University of East Anglia, anlässlich der selben Tagung wie /1/
/3/ „Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr“ (ISBN 978-3-88749-242-7)
/4/ European Nutraceutical Association, www.enaonline.org
/5/ Institut Kurz GmbH, www.Institut-Kurz.de
/6/ Nutrigenomix, https://www.nutrigenomix.com/
/7/ Ladislav Miko, Deputy Directer General for Food Safety, anlässlich der selben Tagung wie /1/
/8/ z.B. in Indien: Food Safety and Standards (Food or Health Supplements, Nutraceuticals,
     Foods for Special Dietary Uses, Foods for Special Medical purpose, Functional Foods, and Novel Food)
     Regulations, 2015.

Kontakt:
Institut Kurz GmbH, www.institut-kurz.de

Ausgabe Mai/Juni 2017 „Der Lebensmittelbrief/ernährung aktuell”