Von Adrian Rogers, Senior Research Scientist, Romer Labs®

Vorsorgliche Allergenkennzeichnung

Wer vorverpackte Lebensmittel kauft und konsumiert, hat sicherlich schon bemerkt, dass heutzutage eine große Menge an möglicherweise enthaltenen Inhaltsstoffen auf den Etiketten aufgelistet ist. Diese vorsorgliche Allergenkennzeichnung ist seitens der Lebensmittelhersteller und -händler freiwillig und soll allergische Verbraucher über das Risiko einer möglichen Kontamination der Lebensmittel durch ein oder mehrere Lebensmittelallergene während der Herstellung und Verarbeitung informieren. Allerdings wächst unter Allergikern die Sorge, dass diese „Kann enthalten“-Etiketten zu einer bloßen Alibi Kennzeichnung verkommen und Lebensmittelhersteller und -händler einfach alle möglichen Allergene auflisten, um sich vor möglichen Rechtsstreitigkeiten zu schützen.

Dies ist ein Problem von großer Tragweite: Millionen Verbraucher auf der ganzen Welt leiden sowohl unter dem Risiko allergischer Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel (einschließlich anaphylaktischer Schocks) als auch unter den Grenzen, die dieses Risiko für ihre Lebensmittelauswahl im Laden und im Restaurant mit sich bringt.

Was kann also getan werden, damit die vorsorgliche Allergenkennzeichnung einer wissenschaftsbasierten Risikobewertung weicht?

Auf dem Weg zu einer präziseren Risikobewertung mit dem VITAL-Programm
In Zusammenarbeit mit mehreren Experten verwaltet das im Jahr 2005 in Australien und Neuseeland gegründete Allergen Bureau das Programm „Voluntary Incidental Trace Allergen Labelling“ (VITAL®). Durch das VITAL®-Programm soll gewährleistet werden, dass hergestellte Lebensmittel für die überwiegende Mehrheit der Lebensmittelallergiker unbedenklich sind. Dazu sind einheitliche Kennzeichnungskriterien vorgesehen, anhand derer allergische Verbraucher und ggf. deren Betreuer den Kauf von individuell gefährlichen Lebensmitteln vermeiden können. So kann die vorsorgliche Kennzeichnung als Instrument des Risikomanagements erhalten bleiben.

Das VITAL®-Programm bietet einen gemeinsamen Ansatz für die Sorgfaltspflicht bei der Identifizierung, Reduzierung und Kontrolle von Kreuzallergenen sowie der Festlegung von Prozessen zur angemessenen Nutzung von vorsorglichen Allergenkennzeichnungen. Vor der Implementierung des VITAL®-Programms muss jedoch bereits ein stabiler Allergenmanagementplan vorhanden sein. Das VITAL®-Programm soll bestehende Systeme für die Lebensmittelsicherheit ergänzen, wie zum Beispiel solche, die auf dem Lebensmittelsicherheitsprogramm HACCP basieren. Mit dem VITAL®-Programm wird der Allergenstatus der eingebrachten Inhaltsstoffe bestimmt und das Vorhandensein von Allergenen, die versehentlich über die Lieferkette durch gemeinsame Ernte-, Lager- und Verarbeitungsanlagen in das Produkt gelangt sein können, geprüft. Dabei wird der Allergenstatus nicht nach Fabrik oder Verarbeitungslinie, sondern individuell für jedes Produkt beurteilt. Jede Zutat und Verarbeitungslinie wird auf potenzielle Kreuzkontaktallergene untersucht, so dass dieser Kreuzkontakt auf ein Minimum reduziert werden kann.

Die Hauptfunktion des VITAL®-Programms ist die Berechnung der Konzentration von allergenen Proteinen aus Kreuzallergenen im Lebensmittel. Die Proteinkonzentration wird mit wissenschaftlich festgelegten Werten verglichen und dann wird entschieden, ob ein „Kann enthalten“-Etikett empfohlen wird. Dies ist als Sicherheitshinweis gedacht, sodass Verbrauchern mit Allergien oder Intoleranzen vom Konsum des jeweiligen Lebensmittels abgeraten wird, und sollte ausschließlich als Ergebnis geeigneter Risikobewertungen auf dem Lebensmittel angebracht werden. In Fällen, in denen Kreuzkontaktallergene nicht eliminiert werden können, bietet das VITAL®-Programm einheitliche Prozesse und Kommunikationsmethoden für das Kreuzkontaktrisiko.

Schaffung von Referenzdosen für Lebensmittelallergene
Das VITAL® Scientific Expert Panel (VSEP) überprüfte die Daten von klinischen (niedrig dosierten oralen) Lebensmittelprovokationen aus veröffentlichten und unveröffentlichten Studien. Die Studien stammten aus Australien, den USA sowie der EU und es wurden über 1800 klinische Datenpunkte gesammelt. Die in die Überprüfung einbezogenen Daten mussten anhand eines Modellierungsansatzes zur Dosisverteilung definierte Qualitätskriterien erfüllen, sodass die Ergebnisse für die gesamte Population galten. Dadurch waren die resultierenden Allergenschwellenwerte statistisch einwandfrei. Durch die Ableitung der Dosiskurven wurde die niedrigste allergieauslösende Konzentration eines Allergens bestimmt, auf die ein Teil der Allergiker mit hoher Wahrscheinlichkeit reagieren wird. Es muss jedoch beachtet werden, dass durch dieses Modell keine Dosis identifiziert wurde, bei der kein Allergiker reagieren würde.

Als Ergebnis der Arbeit des VSEP wurde das Konzept der Referenzdosen entwickelt. Eine Referenzdosis wird in Milligramm Gesamtprotein des allergenen Lebensmittels ausgedrückt, unterhalb dessen nur das empfindlichste Individuum (zwischen 1% und 5% der Allergiker, je nach Qualität der Daten) wahrscheinlich unerwünschte Nebenwirkungen erfahren wird.

Fazit: Die Rolle der Allergenanalyse im VITAL®-Prozess
Die Allergenanalyse spielt im VITAL®-Programm eine wichtige Rolle. Sie ist jedoch nur ein Teil des gesamten Prozesses der Risikobewertung. Es sollten stets zusätzliche Informationen zur Bewertung bereitgestellt und die Allergenanalyse sollte nicht als eigenständiges Werkzeug verwendet werden.

Durch die Weiterentwicklung des VITAL®-Programms und den Einsatz anderer wissenschaftlich fundierter Verfahren zur Beurteilung des Allergenrisikos in der Lebensmittelindustrie kann man hoffen, dass die Missverständnisse und die Verwirrung, die derzeit mit der vorsorglichen Allergenkennzeichnung verbunden sind, ausgeräumt werden können. Anstatt nur den Herstellern und Einzelhändlern zu nützen, sollte die vorsorgliche Allergenkennzeichnung zu einer vertrauenswürdigen Methode werden, anhand derer Allergiker sicherere Entscheidungen über Lebensmittel treffen können und durch die vermeidbare Todesfälle verhindert werden, ohne die Auswahl der Verbraucher künstlich einzuschränken.

Den vollständigen Artikel (auf Englisch) sowie Quellen finden Sie unter https://www.romerlabs.com/en/knowledge-center/knowledgelibrary/articles/news/precautionary-allergen-labeling-informingconsumers-or-just-covering-your-assets/.

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Ausgabe Januar/Februar 2020 „Der Lebensmittelbrief/ernährung aktuell”